"Nichts als das Leben"

Ein Zeitzeuge des Holocaust zu Gast in der Deutschen Schule Brüssel

       FOTOS: Steffen Straube-Kögler, Roman Plaßmann

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Am 29. November hatte die Deutsche Schule Brüssel den 75-jährigen Thomas Geve aus Haifa, Israel, zu Gast, der 1943 als Junge ins KZ deportiert worden war und überlebte. Für die DSB-Schüler die einmalige Gelegenheit, einen Zeitzeugen des Holocaust persönlich zu befragen.

Warum kamen Sie als Kind ins KZ? Wie haben Sie das überlebt? Träumen Sie noch heute von Buchenwald? Die Schüler der Deutschen Schule Brüssel überhäufen den Mann mit Fragen. Thomas Geve steht aufrecht und rüstig mitten unter ihnen, antwortet sachlich, klar, fast nüchtern. Seine 75 Jahre sind ihm nicht anzusehen. Noch immer ist Geve eine stattliche Erscheinung, fast wie in der Jugendzeit, als ihm seine Größe das Leben rettete.

 

Er erzählt, unermüdlich, keine Frage der Schüler ist ihm zu respektlos, keine zu naiv. Der alte Mann berichtet von seiner kurzen Kindheit, wie die Nazis ihn und seine Mutter 1943 abholten, er war erst dreizehn, die Deportation nach Auschwitz, nach Buchenwald, die Trennung von der Mutter.

Die Schüler lauschen gebannt, saugen jedes Wort auf, fragen nach, wollen mehr wissen. Was war mit Ihrer Mutter? Haben Sie geweint? Was haben Sie im Lager gemacht? Geve erzählt, freundlich, aber ohne sichtbare Emotionen. Die Mutter hat er noch einmal kurz gesehen, das letzte Mal. Frauen, Kinder und Schwache werden ausgesondert, Nazi-Sprache, selektiert. Thomas, der Junge überlebt, dank seiner Größe, abkommandiert zum Maurertrupp mit den Männern.


Die Schülersprecher der DSB, Katharina Beckmann und Alexander Dierks, überreichten Thomas Geve als Dank für seinen Vortrag ein Geschenk - das DSB-Jahrbuch 2005
  Geve zeigt sein Buch hoch. „Schaut euch die Bilder an. Ich hatte etwas Papier, einen Bleistift, habe alles minutiös aufgezeichnet“. Die rund 80 Zeichnungen, die der Junge noch 1945 kurz nach der Befreiung anfertigte, sind heute wichtige Dokumente. Die Originale lagern in Buchenwald, Kopien in Israel, in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, in Jerusalem.

Mit seinen Bildern reist Geve immer wieder nach Europa, nach Deutschland, zeigt sie in Schulen und Versammlungen. Dazu erzählt Geve, minutiös, nüchtern, emotionslos, wie es war, wie er es erlebt und überlebt hat. Die Bilder zu zeichnen hat ihm geholfen damals, das Elend, den Horror, den Wahnsinn zu verarbeiten, der hinter ihm lag. Ein Jahr lang braucht der bis auf die Knochen abgemagerte Junge wieder bei Kräften ist. Wie schwer ist das alles für Jugendliche von heute zu verstehen. Es ist gut, dass es noch Zeitzeugen wie Geve gibt.

Das Buch mit den Zeichnungen von Thomas Geve ist über die Gedenkstätte Buchenwald (D-99427 Weimar-Buchenwald) zu beziehen. Dort gibt es auch ein dokumentarisches Video, in dem Geve einem 13-jährigen Jungen seine Erlebnisse berichtet. Die Kamera begleitet beide an die Orte des Geschehens. (Thomas Geve - Nichts als das Leben. Eine Dokumentation von Wilhelm Rösing. BRD. 1997. 38 Min.)

 

  Zum Abschluss trug sich der Zeitzeuge des Holocaust in das Gästebuch der Deutschen Schule ein.