Schlechte Zeiten – Gute Zeiten: Eine Deutschlandrevue
So
hautnah haben wir Geschichte noch nie erlebt
Von Christine Kopp und Tanya Wittal
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Hätten Sie sich vorstellen können, dass unsere iDSB-Theater-AG deutsch-deutsche Geschichte flott, fetzig, mit frechem Wortwitz, starkem Sound und im politisch korrekten Ost-West-Rhythmus Revue passieren lassen kann, die schlechten wie die guten Zeiten? 18 Schauspieler studierten mit ihrer Regisseurin Sabine Kütt ein Schuljahr lang west-und ostdeutsche Geschichte von der Stunde Null bis zum Mauerfall, um diese in Spielszenen und literarischen Lesungen lebendig werden zu lassen. Zwei Chöre und drei Revival-Bands sangen und tanzten unter Leitung von Musiklehrer Lotar Sommerlad. Die Bühnenbild-AG von Tanya Wittal schaffte nicht nur die Mauer, sondern auch das Brandenburger Tor mitsamt Quadriga und Bundesadler in die Aula. Für den passenden O-Ton und die Beleuchtung sorgte störungsfrei die Technik-Crew mit Faber Bryjarczyk, Paul Lüken, Wilhelm Klopp und Sven Klumpe. Durch die historisch-dramatische Revue führte charmant, schick und wortgewandt das Moderatorenduo Johannes Bacia/Matthias Stetter und Rahel Cierpka. Die lockere Szenenfolge aus Sketchen und Schlaglichtern der deutsch-deutschen Geschichte wurde begleitet von fein abgestimmten Musikstücken und Liedern. Die Stunde Null In der Eingangsszene „Deutschland-Phrasenland“ missklangen die typisch deutschen Vorurteile über sich selbst im Allgemeinen und über die anderen im Besonderen, bevor das Publikum in die Stunde Null zurückkatapultiert wurde. Trümmerfrauen räumten die Kriegstrümmer weg und schaufelten die Bühne frei für das personifizierte Wirtschaftswunder Koray Bierenheide, der den glorreichen Wiederaufstieg Deutschlands aus der Kriegsasche besang. The Roaring Fifties Der Jingle aus der allbekannten RTL-Daily-Soap „Schlechte Zeiten, gute Zeiten“ läutete jeweils ein neues Jahrzehnt ein und beförderte das Publikum zunächst in die Roaring Fifties. Jens Schrader und Alexander Knoechelmann verkörperten perfekt den smarten Peter Kraus - hysterische Kreischanfälle der weiblichen Fans inklusive. Simone Michaelis und Klaus Rölleke brachten mit ihrem Rock’n’ Roll die Halle zum Toben. Für Lachsalven sorgten die inszenierten Texte des unübertroffenen Heinz Erhard. Mauerbau Die Lacher gerieten Anfang der Sechziger dann in West wie Ost ins Stocken, als am 13. August 1961 die DDR eingemauert wurde. Da erhob sich der schon fast vergessene Walter Ulbricht alias Andreas Bickel extra für uns vom Totenbett! Seiner Behauptung, niemand habe die Absicht eine Mauer zu errichten, widersprach die Realität: Familien wurden auseinander gerissen. Bei der ergreifenden Udo Lindenbergnummer „Mädchen aus Ostberlin“ kullerte im Publikum so manche Träne. Zwei Spielszenen aus dem west- und ostdeutschen Alltag führten den Muff der 60er hüben wie drüben vor. Da brachte die wunderbar perfekte Hausfrau (Judith Moeller) ihren besserwisserischen Wohlstandsbauchgatten (Vincent Klitz) im brav-biedermeierlich-spießigen Haushalt der sechziger Jahre um, nur damit ihre Gören dann einige Jährchen später für Ho-Chi-Min frei und friedensbewegt auf die Straße gehen konnten. Im Osten erhielt dagegen Nina Hagens „Micha“ einen kräftigen Anpfiff seiner sozialistischen Süßen, weil er wieder mal den Farbfilm vergessen hatte. Die wilden Siebziger Der Oberstufenchor brachte uns mit „Feel like I’m fixin’“ das Woodstock-Feeling in den Saal, bis das „Saturday-Night-Fever“ mitsamt Aerobic-Anleitung von Claude Laubhahn die politische Agitation in den tauben Diskotaumel stürzte. Der echte deutsche Schlager schwebte mit Marianne Rosenberg alias Helena Ruiz Uebe über die Bühne. Doch was wäre deutsche Kulturgeschichte ohne einen echten Klassiker? Der große Dr. Faust alias Sebastian Ahammer fiel der Rationalisierungswelle der Siebziger zum Opfer und musste sich in den teuflischen Welten des deutschen Arbeitsamtes im Kampf mit der Bürokratie (Katharina Janezic) bewähren. Die Öko-Achtziger Die Achtziger waren friedensbewegt und ökologisch wertvoll. Weit in die Welt hinaus strömte deutsche Musik mit der Neuen Deutschen Welle - „Da, da, da“ – unglaublich cool von Elisa Angelillis, Emily Rieke und Ida Bauer - und natürlich mit Nena (klasse: Nicky Gaul), aber auch mit der ostdeutschen Rockgruppe Karat. Mit einer ergreifenden Choreographie interpretierte das Gesangsoktett des Musikkurses 11 den Karat-Evergreen „Über sieben Brücken musst Du gehen“. Die Emanzen Tanya Shoshan und Lena Schuler suchten im Publikum nach neuen Männern („Neue Männer braucht das Land“ von Ina Deter). Der Mittelstufenchor ließ die „Null-Bock-Generation“ mit „Hurra, hurra die Schule brennt“ wieder aufleben. Mauerfall Während Erich Honecker (Andreas Bickel) noch ein letztes Mal lautstark den Sozialismus verteidigte, kam die Bürgerbewegung im Osten und die Protestbewegung im Westen gegen den Nato-Doppelbeschluss so heftig in Wallung, dass die Mauer schließlich mit einem Handstreich von der Bühne gefegt werden konnte: „Wir sind das Volk“! Marius Müller-Westernhagens Freiheitsballade gesungen von allen Chören und Darstellern markierte das stimmungsvolle Finale. So hautnah haben wir unsere Geschichte noch nie zuvor erlebt! |
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